Freitag, 23. Dezember 2016

Das Fest kurz vor dem Fest - oder der 90igste Geburtstag

Vom Gefühl her war es gestern, dass ich den Blog über die beginnende Adventszeit geschrieben habe und schon steht das Weihnachtsfest unmittelbar bevor.

Ich hoffe, du hattest nicht all zuviel Stress und konntest diese Adventzeit genießen. Hast es doch das eine oder andere Mal geschafft, dich aus dem Trubel, der in diesen Tagen oft steckt, immer wieder raus zuhalten.

Ich ließ alles auf mich zukommen und habe nun  etwas Selbstgebackenes, einen Baum und alle wichtigen Besorgungen erledigt. Es war eine gute Zeit und nun kann Weihnachten kommen und bald schon auch das Neue Jahr.

Kurz vor Weihnachten feiern wir in meiner Familie jedes Jahr einen Geburtstag und zwar den meines Vaters. Diesmal war es auch bei ihm ein besonderer Geburtstag, nämlich der NEUNZIGSTE. 🎇🎆🎉Wir haben diesen Tag  mit ihm im kleinsten Familienkreis bei Tee und Torte "gefeiert", eine größere Feier findet erst nach den Feiertagen statt.

Mein Vater ist nun also neunzig Jahre. Er wurde 1926 geboren, in einer Zeit, wo hauptsächlich Pferdekutschen unterwegs waren, wo eine Weltwirtschaftskrise herrschte und die Menschen kaum etwas zu essen hatten. Es war äußerst schwierig eine 5köpfige Familie zu ernähren. Selbst ein paar Groschen zum Kaufen von Mehl, waren nicht immer vorhanden. Er musste viele Jahre das Bett mit seiner Schwester teilen, erst als die Älteste der drei Kinder außer Haus ging, hatte er ein Bett für sich. Eine Zeit, die man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Auch technisch betrachtet gab es in diesen neunzig Jahren extrem viele Veränderungen. Als Kind wurde mein Vater noch ums Petroleum für die Lampe geschickt und Kühlschränke, Fernseher oder Waschmaschinen gab es nicht, geschweige den Handys oder Computer.

Ich weiß noch gut, als mein Vater so alt war, wie ich jetzt. Damals war gerade das Lied "auf einmal wird man fünzig..." ziemlich populär. Ich war zehn und fünfzig erschien mir uralt, obwohl mein Vater mit fünfzig wieder mit dem Skifahren begann.

Damals war die Welt zwischen uns beiden noch ziemlich in Ordnung. Wenn er böse auf  mich war, musste ich lächeln und er konnte auch nicht anders, als zu lächeln und somit war die dicke Luft meist wieder vorbei.😜 Aber spätestens als ich die Pubertät erreichte, entfremdeten wir beide uns mehr und mehr. Er erklärte mir immer, wie streng er aufgezogen wurde und wann er zuhause sein musste "Zum Gebetläuten um 19 Uhr" - ich höre es heute noch. 19 Uhr, ich war ein Teenager und wollte wie alle Teenager sicher nicht um 19 Uhr zuhause sein. Er hielt mich oft sehr  kurz, nicht zuletzt wurde ich auch mal dafür gehänselt.😥

Mein Vater und ich entfremdeten uns sogar so stark, dass wir einige Jahre überhaupt nicht  mit einander sprachen.😟 Ich kann es mir heute selbst gar nicht mehr vorstellen, aber bis auf ein "Guten Tag" oder "Auf Wiedersehen" war nicht viel - über Jahre! Man kann nicht sagen, dass er mich ständig prügelte, aber wenn ihm mal die Hand "auskam", dann hat es sich ausgezahlt und Hausarreste kamen teilweise ganz willkürlich. Aber ich war immer schon eine Revolutionärin, was unser Beisammensein nicht einfacher machte.😒

Erst als ich mit meinem späteren Ehemann unsere Wohnung renovierte, begannen mein Vater und ich uns langsam wieder anzunähern und ich lernte sehr viel von ihm. Nie werde ich vergessen, als wir das erste Mal gemeinsam tapeziert haben und er mir zeigte, wie es geht. Auch später habe ich viel von ihm gelernt. Beim Reifenwechseln sind wir ein toll eingespieltes Team. 💪😃

Er war mir nach der Scheidung vom Vater meiner Kinder eine wirklich große Stütze. Die psychische Erkrankung  meiner Mutter hat uns zusammengeschweißt und bald wurde ich in dieser Hinsicht seine Stütze. Ich verdanke ihm viel, als allererstes mein Leben, aber auch viele Fertigkeiten.

Natürlich hat er als "erster Mann in meinem (er)Leben" auch mein Männerbild geprägt. Nicht unbedingt zum Vorteil, denn Gefühle zeigte er nicht - war mein erster Gedanke, als ich über diesen Blog nachdachte - aber nein, das stimmt so nicht, den Wut und Zorn zeigte er schon, nur sensibel oder liebevolle Gefühle verbarg er gut. Ich glaube, diese Generation hat das auch gar nicht gelernt. Meine Tanten, seine Schwestern, waren auch nicht viel anders. Noch heute wird mein Papa verlegen, wenn ich ihn umarme.😅 Von selbst würde er das wohl nicht tun.

Auch, wenn er es eher nicht zum Ausdruck bringt, so weiß ich heute, ohne große Worte, dass ich ihm sehr wichtig bin und er froh ist, dass ich da bin, wenn es nötig ist.💜

Ich bin unendlich stolz auf ihn, weil er nie aufgibt, weil er noch immer rund 12 Kilometer mit dem Fahrrad fährt, er noch immer das eine oder andere Mal als Sportschütze den 1. Platz schafft, er sich auch für alternative Heilmethoden öffnet, und sich und meine Mutter versorgt.
Wir waren nicht reich, aber er hat dafür gesorgt, dass wir das hatten, was wir brauchten. Meinen Halbbruder aus erster Ehe hat er alle 2 Wochen zu uns geholt, dabei haben wir meist etwas unternommen und abends haben wir ihn wieder knapp 30 km nachhause gebracht.
Er hat uns sogar im Winter einen großen Schneehaufen gemacht, damit wir mit den Skiern oder der Rodel runterrutschen konnten. Wenns auch nur ein paar Meter waren, aber für uns war es ein Riesenspaß.

Er tat und tut immer alles, was ihm möglich ist und so betrachtet, wird er für mich immer ein großes Vorbild sein.

Morgen am heiligen Abend wird er mich wieder ungeduldig anrufen und fragen: "wann können wir denn kommen?" Nun ja, er hat ja um diese Zeit nichts weiter zu tun und wie wir alle wissen "Das Warten auf das Christkind kann sich ganz schön in die Länge ziehen...." 😉😉

Heuer zum Fest der Liebe, will ich mich in Demut und Dankbarkeit üben:
  • Demut vor seinen neunzig Jahren und  all seinem Erlebten und Geschafften. 
  • Dankbarkeit für unsere gemeinsamen fünfzig Jahre, von denen trotz so vielen Differenzen und Querellen in der Vergangenheit, dennoch unterm Strich das Gute überwiegt.


Ich ziehe meinen Hut und wünsche ihm noch viele gute Jahre.

Wenn du mit deinen Eltern schwierige Zeiten erlebt hast, so denke doch mal daran, welche Fähigkeiten und Ressourcen du durch sie entwickelt hast. Selbst der grausamste Elternteil kann uns die Chance geben, etwas ganz Außergewöhnliches in uns zu entwickeln und wenn es nur ist, etwas anders, bewusster zu machen. Sein Herz zu öffnen und seinen Kindern Liebe spüren zu lassen.

Mach dich gerade jetzt auf  deine persönliche Schatzsuche, um vielleicht im neuen Jahr viel leichter beginnen zu können. Leichter und unbelasteter, weg von Zorn und Hass, hin zum Verzeihen und zur Liebe. 💓

Von 💖 zu 💖






(c) Erika Klann

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